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Offener Brief an Guido Westerwelle

von Harry Kayne am Feb.12, 2010, unter Politik, Wirtschaft

Lieber Herr Westerwelle,

ich schreibe Ihnen als Vertreter des von Ihnen so geschätzten Mittelstands. Ich bin zwar keine verheiratete Kellnerin, zähle mich aber zur arbeitenden Bevölkerung und nicht zu den faulen Kackbratzen, die sich mit Hartz IV auf die faule Haut legen (gefällt Ihnen die Wortwahl?).

Zunächst muss ich Sie jedoch fragen: Haben Sie eigentlich ihr Gehirn eingeschaltet, es vielleicht sogar irgendwann mal benutzt, oder haben Sie einfach nur nicht alle Tassen im Schrank? Gerade letzteres liegt ein bisschen auf der Hand. Denn die Hartz-IV-Unterstützung mit einem anstrengungslosen Wohlstand zu vergleichen, erfordert entweder eine Menge Fantasie oder eben jene Weltfremdheit, die in unserer Politiklandschaft leider schon viel zu stark um sich greift.

Soweit ich das mitbekommen kann, wollen die Karlsruher Robenträger lediglich verhindern, dass Hartz-IV-Empfänger und vor allem ihre Kinder mit dem Job auch gleichzeitig ihre Würde verlieren. Denn Kinder, lieber Herr Westerwelle, können schlecht drei Jahre lang mit denselben Schuhen umherlaufen, wie wir Erwachsene es könnten. Zumindest nicht, ohne irgendwann ziemlich deformierte Füßchen zu bekommen.

Und Kinder müssen mit ihren Freunden auch mal ins Kino oder die Milchbar, damit sie nicht ganz vom gesellschaftlichen Treiben ausgeschlossen sind und zum Amokläufer werden. Aber das werden Sie ja sicherlich wissen.

Vielmehr stellt sich die Frage, warum die von Ihnen zitierte Kellnerin so wenig Asche mit nach Hause bringt. Warum der Fensterputzer, der Supermarkt-Angestellte, die Bettenschüttlerin im Hotel und der Friseur kaum von ihrer Maloche nur so wenig haben wie der von Ihnen kritisierte Hartz-IV-Empfänger. So rum wird ein Schuh draus.

Die Lösung liegt im Verhalten von Unternehmern und damit auch vieler Ihrer Wähler. Es geht um Alois Müller, die Gebrüder Albrecht, Anton Schlecker und auch Kleinunternehmer wie den Kneipier und den Friseur um die Ecke. Sie alle wollen von Ihnen, Herr Westerwelle, niedrigere Steuersätze. Aber fragen Sie sie doch mal bitte, warum sie ihren Angestellten solche Hungerlöhne zahlen. Mit dem unternehmerischen Gedanken hat das nicht mehr viel zu tun.

Meine Antwort: Weil Gier inzwischen als gut gilt und vor allem als schick. Vorgelebt von Bankern, Unternehmern, Managern und Politikern, wie auch Sie einer sind, rund um die Welt. Fairness gegenüber dem Mitarbeiter zählt nicht mehr, wie uns bereits allein täglich alle Supermärkte oder die Selbstmordwelle bei France Telecom schmerzhaft vor Augen führen. Wenn der lausige Arbeiter mehr will, kann er ja gehen. Sind ja genug andere da. Das ist die Hartz-IV-Mentalität unserer Unternehmer.

Nein, lieber Herr Westerwelle. Die Frage lautet nicht, warum Hartz-IV-Empfänger so viel kriegen wie manche Arbeitnehmer, wenn es überhaupt so ist. Die richtige Frage lautet, warum manche Arbeitnehmer genauso gefickt sind wie Arbeitslose.

Fragen Sie doch mal Ihre Wähler.

Mehr zum Thema: Das Grinsen des Guido Westerwelle

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9 Kommentare vorhanden

  • STONI

    Hey Harry, Deine Frage bleibt wichtig, richtig und fragenswert, auch wenn bei dem ganzen Thema gerade was krumm und schief läuft, wie z.B. hier erwähnt:

    http://www.bildblog.de/16128/wie-sich-alle-mit-hartz-iv-verrechnen/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed:+bildblog+(BILDblog)

  • Andrea

    Schön geschrieben. Ich habe mich heute gerade wieder gewundert, ist Herr Westerwelle nun ausgesprochen dumm oder nur ausgesprochen kaltschnäuzig?

    Was oben noch fehlt: die Niedriglöhne werden durch hohe Arbeitslosigkeit + HartzIV überhaupt erst ermöglicht. Könnten Arbeitnehmer wählen, würden sie so Jobs mit denen man nicht mal den Lebensunterhalt finanzieren kann, nicht annehmen. Folge: der Markt reguliert sich selbst, indem höhere Löhne geboten werden müssen.
    Mit HartzIV ist dem aber ein Riegel vorgeschoben; da darf man keinen Job ablehnen und sei er auch noch so lausig bezahlt. Ansonsten wird die Unterstützung gestrichen.
    Den Rest erledigt Angst vor Arbeitslosigkeit.

  • DERBÖSEWOLF

    Hi folks,
    schön rund geschrieben, aber trotzdem zu kurz gesprungen.

    stoni netter Beitrag, hast du schon mal mit H-IV-lern gearbeitet?
    Ich schon hat mir die Vorstellung vom Guten im Menschen genommen!(weitgehend)

    MMn läuft im ganzen “System” BRD etwas gewaltig schief, aber um das alles darzustellen fehlt garantiert immer der Raum, ist immer deplatziert, politisch unkorrekt…

    DBW

  • Irene König

    geehrter Herr Westerwelle,

    nun komme ich nicht mehr umhin, auch mal meine Meinung zum Reiz-Thema Hartz4…nein, ALG II – da es mir widerstrebt, diese Leistung nach einem verurteilten Straftäter zu benennen, zu äussern!
    Schämen sollten Sie sich, Herr Westerwelle, ehrlich…in Grund und Boden schämen sollten Sie sich! Wenn Sie schon so felsenfest von diesem – in meinen Augen, volksverhetzenden “Schwachsinn” – den Sie diesbezüglich äusserten, überzeugt sind…na dann, ÄNDERN SIE doch endlich etwas daran! Schaffen SIE Arbeitsplätze in unserem Staat…und “labern” nicht nur – wie fast alle “Führungskräfte” unseres Landes darüber! Weigern SIE sich nicht standhaft dagegen, Mindestlöhne einzuführen! Setzen SIE sich dafür ein, dass die horrenden Lohnnebenkosten für Arbeitgeber drastisch gesenkt werden, um für diese den Standort Deutschland wieder attraktiv zu machen und sie deshalb nicht mehr ihre Aktivitäten ins wesentlich günstigere Ausland verlegen MÜSSEN! Und letztendlich…scheren SIE Alg II-Bezieher nicht alle über einen Kamm! Es gibt genug unter jenen – so auch ich – die sich um eine Anstellung bemühen, jedoch auf Grund verschiedener Umstände, auf Teufel komm raus, nicht die geringste Chance dazu erhalten! Kümmern SIE sich darum, dass nicht alle Menschen, die auf diese Leistung des Staates – gezwungener Massen – angewiesen sind, gleich behandelt werden, sondern dass diese Fälle auch differenziert betrachtet und behandelt werden (es kann nämlich auch nicht angehen, dass ein Arbeitsloser, der noch NIE in seinem Leben etwas geleistet hat, genau so viel erhält, wie der, der bereits schon gute 30 bis 40 Jahre Arbeitsleben hinter sich hat)! Setzen SIE sich dafür ein, dass diese unsinnigen und wirtschaftlich ruinösen 1€-Jobs (die nichts als blanke AUSBEUTE sind!), abgeschafft werden! Gestehen SIE den Kindern – die ja unser aller Zukunft sind – der BRD, etwas mehr Leistung zu, die sie tatsächlich brauchen! Auch wenn’s Ihnen schwer fällt! Ich wage zu bezweifeln, dass SIE wissen, wieviel ein Kind “kostet”, bis es auf eigenen Beinen steht!
    Zum Abschluss, ja auch ich habe bei den letzten Wahlen dazu beigetragen, dass die momentan regierende Koalition zu Stande kommt und habe grosse Hoffnungen darauf gesetzt, wobei ich schon seit Jahrzehnten der Meinung bin, dass egal welche Partei, nichts besser kann oder macht! Im Gegenteil! Immer wieder gibt es nur hohle Phrasen und Versprechungen, die niemals eingehalten werden! Doch, wie heisst es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt! Und ich hoffe noch immer, dass sich nun endlich etwas entscheidendes und zum Guten in unserem – meinem – Land ändert! Als Mensch Herr Westerwelle, waren Sie mir bisher ziemlich sympathisch, doch in Ihr politisches Denken und Handeln, setze ich zur Zeit kein grosses Vertrauen mehr…also ändern SIE etwas daran!
    mfG
    Irene König aus Chemnitz
    (Eine mittlerweile 53 Jahre alte, ziemlich frustrierte Alg.II-Bezieherin – womit sie auskommt, also keinen Cent mehr möchte -, die ihre Schul-sowie Berufsausbildung abgeschlossen hat, gut 32 Jahre ihres Lebens sozialversicherungspflichtig gearbeitet, somit auch ihre “Leistungen” für den Staat erbracht hat, wenigstens einen 165€-Minijob – der auch noch Spass macht – ausübt, aber nun zum sich langsam nähernden “Lebensabend” – mit Kniegelenks-Arthrose – nach Meinung der zuständigen “Fall-Managerin” der ARGE, offensichtlich nur noch dazu taugt, um Treppen-und Sch….-Häuser zu putzen!)
    …Danke! Und na dann…GUTE NACHT, DEUTSCHLAND! < Sarkasmus, den ich mir jetzt nicht mehr verkneifen kann!

  • ks

    Die Frage, warum manch Arbeitender weniger Geld hat als ein Hartz-IV-Empfänger muss nicht mehr gestellt werden. Der paritätische Wohlfahrtsverband hat kürzlich heraus gefunden, dass Westerwelle sich in seinem Kellner-Beispiel großzügig verechnet hat. Harry K. stellt nicht nur deswegen die richtige Frage am Ende seines Textes, danke dafür! Abgesehen davon ist eine Debatte über den Sozialstaat natürlich nie falsch, solange sie um konkrete Inhalte geführt wird. Schließlich muss der Sozialstaat immer den aktuellen Gegebenheiten angepasst, geschliffen und überdacht werden. Westerwelles stigmatisierende Allgemeinplätze helfen dabei nicht weiter:
    http://www.kulturstruktur.net/verlockende-tone-bittere-zwietracht/

  • Inga Z.

    Was heisst offener Brief? Den wird er wohl nicht lesen ;)

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• Dit Kopireit von den janzen Kram hier liecht beim Harry Kayne. Wer einfach abschreibt, ohne su fragn, is doof und stinkt. Allerdings kann der Harry ja dumme Abschreiber ooch nich einfach fahaun, oder? •

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